Zwischen Karl dem Großen, Moderne und der Frage, was gute Schule ausmacht

Eine Festveranstaltung, die zeigte, warum Tradition am Kaiser-Karls-Gymnasium nicht Stillstand bedeutet, sondern Haltung, Neugier und Zukunft.
Der Projektchor unter der Leitung von Verena Datené hätte den Abend in der Aula Carolina nicht treffender beschließen können! Doch bevor Elton Johns „I’m Still Standing“ das Programm beendete, wurde an diesem Jubiläumstag vor allem eines klar: Das Kaiser-Karls-Gymnasium steht nicht einfach noch. Es bewegt sich und das seit 425 Jahren.
1601 wurde die Schule gegründet, damals als Gymnasium des Jesuitenordens. Aachen war Freie Reichsstadt, Bücher waren kostbar, Bildung war ein Privileg. Heute lernen Schülerinnen und Schüler mit digitalen Tafeln, diskutieren über Künstliche Intelligenz und wachsen in einer Welt auf, in der Informationen schneller verfügbar sind, als man sie überprüfen kann. Genau deshalb wurde nicht nur gefeiert. Es wurde gefragt, was gute Schule heute leisten muss.
Nach dem beeindruckenden Intro durch das Saxofon Quartett (Kristina Wagner, Lisa Conrads, Andreas Ritzefeld, Janik Heiler) setzte der Regierungspräsident Gregor Lange den ersten großen Akzent. Wer auf 425 Jahre Schulgeschichte blicke, schaue zugleich auf Stadtgeschichte, europäische Geschichte und Bildungsgeschichte. Doch für Lange war der Rückblick nur der Ausgangspunkt. „425 Jahre Kaiser-Karls-Gymnasium bedeuten deshalb nicht nur 425 Jahre Vergangenheit. Dieses Jubiläum erzählt vor allem eine Geschichte der Veränderung, der Anpassungsfähigkeit und der Zukunft.“
Besonders eindringlich wurde Lange, als er über Europa und Demokratie sprach. Aachen, mitten im Dreiländereck, sei ein Ort, an dem Europa nicht abstrakt bleibe. „Europa ist heute nicht nur Geschichte. Ich denke, Europa ist heute vor allem eine Aufgabe.“ Für eine Schule, die den Namen Karls des Großen trägt und sich als Europaschule versteht, war das wohl als Auftrag zu verstehen.
Lange wurde deutlich und ließ seine Vorstellung vom gesellschaftlichen Auftrag heutiger Schulen klar erkennen: „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist nicht das, was sich automatisch fortsetzt.“ Schulen seien Orte, an denen junge Menschen lernen, mit Vielfalt umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und Menschenwürde als Grundlage des Zusammenlebens zu begreifen. „Vielfalt ist eine Stärke, wenn wir lernen, respektvoll miteinander umzugehen.“
Aachens Oberbürgermeister Dr. Michael Ziemons kam mit einem Augenzwinkern auf die Bühne. Das nächste Jubiläum werde dann – typisch Rheinland – in 15 Jahren begangen: 440 Jahre, 40 mal 11! Nach diesem lockeren Einstieg wurde sein Blick historisch und zugleich sehr gegenwärtig. Wer das KKG betrete, spüre sofort, dass dies nicht irgendeine Schule sei, sondern ein bedeutender Ort im Herzen der Stadt.
Ziemons erinnerte an den Stadtbrand von 1656, an Napoleon, an die preußische Neugründung und an die Benennung als Kaiser-Karls-Gymnasium im Jahr 1886, bewusst als Gegengewicht zum neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gymnasium.

Aachens Oberbürgermeister, von 2010 bis 2019 Professor für Pädagogik an der Katholischen Fachhochschule, wechselte dann vom Verwaltungschef zum mahnenden Wissenschaftler. Schule dürfe heute nicht so tun, als bestehe ihr Auftrag darin, gesichertes Wissen weiterzureichen. Dafür verändere sich die Welt zu schnell. „Lehren heißt nicht, den anderen zu füllen. Lehren heißt Bedingungen zu schaffen, unter denen Lernen möglich wird.“ Ein Satz, der den ein oder anderen im Hinterkopf den restlichen Abend begleitet haben dürfte. Es gehe nicht nur um Inhalte, sondern um Lernfähigkeit, Orientierung im Unsicheren, Kooperationsfähigkeit, kritische Urteilskraft und Empathie.
Der Schulleiter Dirk Adamschewski führte diesen Faden direkt in die eigene Schulgeschichte. Warum feiert man eigentlich ein Jubiläum nach 25 Jahren? Seine Antwort: Weil ein solcher Zeitraum nah genug ist, um Menschen zu fragen, die dabei waren, und weit genug, um Veränderungen mit Abstand zu betrachten.
Sein Grundgedanke war klar: Das KKG hat sich verändert, aber nicht beliebig. Es hat neue Profile entwickelt, ohne seinen Kern aufzugeben. Naturwissenschaftliches Lernen, sprachliches Lernen, kulturelles Lernen und soziales Lernen bilden heute die tragenden Säulen. „Offen kann nur sein, wer einen klaren Wertekompass hat“, sagte Adamschewski. Und später: „Die Ausbildung von Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein scheint mir die Essenz dessen, was Schülerinnen und Schüler aus der Schule mitnehmen können.“
Dass Schule tatsächlich Spuren hinterlässt, zeigte anschließend die Talkrunde mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern. Dirk Adamschewski und Lehrerin Katja Bodden moderierten ein Gespräch, das schnell weniger nach Podium, sondern mehr nach Klassentreffen mit Tiefgang klang. Zu Gast waren Ildikó von Kürthy, Dr. Frank Bräutigam, Matthias Murmann, Moritz Schippers und Dr. Miriam Haritz. Fünf Lebenswege, fünf Berufe, fünfmal KKG. Abitur zwischen 1987 und 2007.
Auf die Frage, wie sie ihre Schulzeit beschreiben würden, fielen ehrliche Antworten. Dr. Miriam Haritz stellte fest: „Prägend.“ Moritz Schippers nannte seine Zeit „durchwachsen“ und erzählte, dass er erst später im Studium richtig das Gefühl hatte, Menschen zu finden, die seine Sprache sprachen. Matthias Murmann sprach von Resilienz, die er an seiner Schule zwangsläufig gelernt habe, und davon, dass Schule auch ein Ort sein müsse, an dem man scheitern dürfe. Hier saßen keine Ehemaligen, die ihre Schulzeit nachträglich glattpolierten, sondern von realen Erfahrungen, jenseits von reinen Noten, berichteten.

Was in Erinnerung bleibt, sind oft Lehrkräfte. Namen fielen, Geschichten kamen zurück, manchmal humorvoll, manchmal berührend. Frank Bräutigam erzählte von Lehrern, die seine Sprache geschärft haben und ihn als Juristen in der Medienlandschaft bis heute geprägt haben. Moritz Schippers erinnerte sich daran, wie er über die Big Band seinen Weg zur Musik und damit zu seinem Beruf fand. Matthias Murmann berichtete von LAN-Partys und frühen Filmprojekten mit Mitschülern, aus denen sich später fast logisch eine Produktionsfirma entwickelte. „Das, was wir damals gemacht haben, machen wir im Grunde heute immer noch“, so sein Fazit. Ildikó von Kürthy stellte fest, dass sie erst viele Jahre nach dem Abitur wirklich verstand, „dass Lehrerinnen und Lehrer auch Menschen sind“.
Intensiv wurde die Runde, als es um Berufswege ging. Die heute erfolgreiche Autorin Ildikó von Kürthy sprach offen über ihre Orientierungslosigkeit nach dem Abitur. Kein fertiger Plan, kein klarer Karriereweg, eher die große Frage: Was mache ich jetzt? Erst später habe ihr jemand geraten, sich mit dem zu beschäftigen, „woran dein Herz hängt“. Frank Bräutigam formulierte es ähnlich: Man müsse etwas finden, bei dem man nicht auf die Uhr schaut. Miriam Haritz erinnerte daran, dass Lebensläufe oft erst im Nachhinein logisch wirken, denn verbinden könne man die Punkte erst rückwärts.
Im zweiten Teil der Talkrunde ging es um die Schule der Zukunft. Welche Bücher, Filme, Fächer oder Fähigkeiten braucht man heute? Schnell war die Runde bei Medienkompetenz, Fake News, Algorithmen und Künstlicher Intelligenz. Matthias Murmann beschrieb, wie stark digitale Plattformen Aufmerksamkeit lenken und Polarisierung belohnen. Frank Bräutigam erklärte, warum seriöse Nachrichten junge Menschen dort erreichen müssen, wo sie unterwegs sind, also auch auf Instagram und TikTok. Zugleich betonte er, wie wichtig es sei, die Grundlagen des Zusammenlebens zu verstehen. Das Grundgesetz zu kennen und zu wissen, wie der Staat funktioniert, erschien ihm essenziell.
Die aktuellen Schülerinnen und Schüler selbst hatten in Videoeinspielern, die Pepe Leonhardt aus der Q1 produzierte hatte, ebenfalls klare Ideen. Sie wünschten sich Medien- und Sozialkompetenz, Psychologie, politische Bildung, Kochen, Handwerk, Finanzwissen, Niederländisch oder Mandarin. Das klang praktisch, visionär und innovativ. Dass sich dabei die Ideen der Jugend mit denen der früheren Generationen weitgehend deckten, war für manche eher überraschend.
Die Wasserschutzexpertin Miriam Haritz, mahnte zum Erhalt der Errungenschaften unserer Zeit und nahm die Schulen dabei in die Pflicht. Schule müsse Wertschätzung lehren für Dinge, die nicht selbstverständlich sind: Frieden, Europa, Trinkwasser, internationale Zusammenarbeit. Wer in Aachen lebte, reise schnell über Grenzen, zahle mit dem Euro, nutze sauberes Wasser und wachse in einer demokratischen Gesellschaft auf. Doch all das sei nicht einfach da. Es wurde erarbeitet und müsse erhalten werden.
Am Ende bat Herr Adamschewski die Talkgäste um einen grundsätzlichen Rat an die heutigen Schülerinnen und Schüler. Die Antworten vielen ähnlich aus und doch mit unterschiedlicher Gewichtung. Frank Bräutigam nannte Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein, während Matthias Murmann riet: „Probiert Dinge aus, fallt auf die Schnauze und macht weiter!“ Miriam Haritz fasste es noch knapper: „Traut euch. Macht das.“ Moritz Schippers wünschte den Jugendlichen, nicht als für den Arbeitsmarkt optimierte Personen aus der Schule hervorzugehen, sondern herauszufinden, was sie glücklich macht.
Ildikó von Kürthy schloss mit einer kleinen Gebrauchsanweisung fürs Leben: Mach morgens dein Bett. Übernimm Verantwortung für das, was du verändern kannst. Sei freundlich zu anderen Menschen. Und schließlich fiel ein Satz, der fast als Motto für den Schulalltag und weit darüber hinaus gelten könnte: „Glaub nicht alles, was du denkst.“
Dann am Ende: „I’m Still Standing“. Die musikalische Pointe des Abends, nach all den Reden, Erinnerungen und Zukunftsfragen. Ja, das KKG steht noch. Aber nicht, weil es stehen geblieben ist, sondern weil es sich mal mehr mal weniger geschickt mit der Zeit bewegt hat und dies auch weiter tut.
425 Jahre Kaiser-Karls-Gymnasium: Das ist eine Geschichte von Stadt und Schule, von Karl dem Großen und KI, von Latein und Medienkompetenz, von humanistischer Tradition und digitaler Zukunft. Vor allem ist es eine Geschichte von Menschen: von denen, die hier gelernt haben, hier lehren und heute in den Klassenräumen das nächste Kapitel schreiben.
Marco Sievert

